Text von / by Michael Grzesiak

zur Ausstellung »Landschaften & Listen« von Bea Meyer,
Galerie b2_Leipzig

accompanying the exhibition »Landscapes and lists« of Bea Meyer
Galerie b2_Leipzig

english below

Seit langem führt Bea Meyer Listen. Sie notiert Beiläufiges bis Elementares auf losen Blättern, Zetteln verschiedener Größe, in Heften, durcheinander, abgeheftet, lose, gestapelt, geordnet. Meyer hält Geschehnisse und Informationen fest, sammelt Daten. Sie zeichnet auf, zählt, dokumentiert, protokolliert. In der frühen Wissenschaft wird erst beobachtet und dann das Beobachtete aufgezeichnet. Heute haben wir Aufzeichnungen und ziehen daraus unsere Erkenntnisse.

»Landschaft und Listen« zeigt die Auseinandersetzung mit Form, Abbild und Bedeutung von Daten unserer Lebensrealität. Meyer abstrahiert selbst erhobene Daten zu künstlerischen Formaten. Bewegungsprofile, Kalenderinhalte, Erhebungen und biometrische Daten verwebt sie miteinander in einer Reihe von Werken unterschiedlicher Medien zu einer Ausstellung. Stellvertretend an ihrer Person, zeichnet sie Daten auf und überträgt sie in den Kontext von Kunst. Sie legt eine Timeline ihres Lebens offen und reflektiert über Subjektivität, Neutralität und Abstraktion von Information und deren allgemeinen und künstlerischen Wert. Wer und was bin ich als Individuum und als Teil einer abstrakten, Daten produzierenden Menge, die rund um die Uhr und den Globus ihre digitalen Spuren hinterlässt?Stein, Eisen und Bronze haben Zeit und Raum geprägt, haben Kulturlandschaften entstehen lassen. Sie waren Motor zivilisatorischen Fortschritts. Mit ihnen hat der Mensch Funktionen und Formen entwickelt. Mit der Digitalisierung verlassen wir das Materielle, heute sind Daten unsere Werkzeuge und Formgeber. Noch halten wir an Materiellem fest, doch die Statistik unserer täglichen Beschäftigungen wird von Daten angeführt; Kommunikation, Bilder, Banking, Entertainment. Die Virtualität unserer Werkzeuge ist Realität. Wie zuvor Industrielle, hat die Verarbeitung von Daten, das Sammeln und Verknüpfen ihre Protagonisten zu den reichsten Menschen unserer Zeit gemacht.

Einen Fokus der Ausstellung bildet Meyers neue Arbeit »VOR«, eine in Buchform veröffentlichte persönliche Datensammlung. In »VOR« transkribiert die Medienkünstlerin alle Aufzeichnungen ihrer handgeschriebenen Kalender der 15 Folgejahre auf ihr Diplom im Jahr 2000. Sie teilt sie mit uns. Sie erstellt eine durchgehende Liste als chronologische Abfolge von Datum, Namen, Terminen, Kontakten, Orten, Zeiten, Tätigkeiten und Informationen. In »VOR« reihen sich Zeichen und Zahlen aus dem Privatleben, der Arbeit und der Welt aneinander und fügen sich zu einer abstrahierten Partitur ihres mit der Welt vernetzten Alltags. Meyer geht es nicht um sich selbst, sie thematisiert ihr Leben aus der Möglichkeit des Zugriffs. Sie ist fasziniert und fassungslos zugleich vom Rauschen der schieren Menge an Informationen. Die Daten werden zur künstlerischen Verfügungsmasse ihrer Arbeitsweise.

Noch sind wir dabei Analoges zu digitalisieren, aus einer Welt in die andere mitzunehmen. Zu jedem Original entsteht ein digitales Pendant: eine Information, ein Bild, ein Eintrag, ein Austauschformat, um in Echtzeit mitzuteilen, geteilt zu werden. Sei es ein Termin, ein Vorhaben, seien wir es selbst, unser Abbild, sei es das Wetter, ein Kunstwerk oder auch nur ein Gedanke. Die Qualität von Massendaten bestimmt deren Umfang und Menge, die Geschwindigkeit des Zugriffs, die Anzahl und Verlässlichkeit der Quellen. Bis hier funktioniert die Automatisierung der Erhebung unseres Alltags in Null und Eins. Bea Meyer erstellt sich diese Daten selbst und beginnt damit zu arbeiten, zu experimentieren; substraktiv, additiv, gesampelt. Sie verschiebt den Fokus zwischen Inhalt und Form, Lesbarkeit und Bedeutung, Ordnung und Chaos, gezoomt, vergrößert oder bis zur Unkenntlichkeit verdichtet. In Varianten, Wiederholungen und Modulationen realisiert die Künstlerin ihre persönlichen Vorstellungen zur Verarbeitung von Information.

Der Erkenntnisgewinn von Massendaten liegt im Erkennen versteckter Muster, dem Sichtbarmachen verborgener Ordnungen und Strukturen. Was uns die Maschinen nicht abnehmen, ist es, uns Relevanzen zu überlegen, die Maschinen zu wecken, wenn Viele Ähnliches tun. Wir brauchen Algorithmen, um Erkenntnisse zu filtern. Wir müssen Absichten formulieren, Zielstellungen. Wir sind gezwungen, Fragen an »BigData« zu stellen. Wir brauchen Gehirne, die aus der Datenmasse Rohstoffe schürfen, um Erkenntnisse zu gewinnen und diese einer zivilisatorischen Verwendung zuzuführen.

Meyer versucht Absichten zu relativieren, zu neutralisieren, sie reduziert, minimiert, externalisiert. Sie benutzt die Datensammlung ihres Buches als Anweisung. Die Konzeptkünstlerin bringt die Daten zurück in unseren Alltag. Sie lädt Menschen ein, ihr aus ihrem Buch vorzulesen und setzt der abstrakten Information reale Stimmen in der Kulturtechnik des Lesens gegenüber. Sie beauftragt eine Performance-Künstlerin auf der Basis ihrer Daten zu arbeiten. Meyer materialisiert ihre Informationen in Bildern. Sie generiert neue Handlungen aus einem Protokoll ihres vergangenen Alltags. Ein Zeitfenster ihrer Lebensform wird zu Daten und diese werden wieder zu Form, zu Sprache und Bewegung. Ihr alltägliches Handeln wird zu Zeichen und verliert als abstrakte Notiz die Bedeutung. Im Rahmen der Ausstellung werden diese Zeichen wieder zu Kommunikation und Handlung. Meyer reicht die Formen der Interpretation ihrer Daten und die Frage nach Erkenntnis an uns weiter.

In der Serie »L« überträgt die Künstlerin Detailaufnahmen ihrer Körperoberfläche in Bilder. Quadratische, biometrische Karten ihrer Hüllfläche zeigen Konstellationen von Merkmalen, wie die Kacheln aneinander gereihter Satellitenbilder von Landschaft. Anhand biometrischer Information kann ein Körper als Individuum identifiziert werden. Meyer spielt mit verschiedenen Maßstäben und Größen und überträgt die Bilder, analogen Karten gleich, als gestickte Wiedergabe auf Papier.

Mit der fortlaufenden Serie »RB« erstellt Meyer eine eigene Form von Bewegungsprofilen. Analog einem Seismografen zeichnet sie die Vibrationen beim Durchqueren von Landschaft mit dem Stift auf. Die zu Papier gebrachte Linie erfasst Einflüsse der Straße und des Fahrzeugs, von Geschwindigkeit, Wind, Verkehr und der zufälligen Führung durch ihre linke Hand. Zickzacklinien werden zu Landkarten, die sich in einer zeitlichen Abfolge in Ebenen übereinander legen. Sie erinnern an Routenführungen. Meyer vergrößert sie und überträgt sie als Landschaften auf Stoff.

Daten sind die Rohstoffe unserer Zeit. Die Nutzung von Massendaten und deren Verknüpfung wird zur größten Resource von Erkenntnis für die Menschheit. Sie ist ökonomisch verwertbar und zu einem Machtmittel geworden. Sie ermöglicht Einfluss und Kontrolle über andere und unsere Welt. Bereitwillig liefern wir Daten an Andere für den Zugewinn von Erleichterungen im Alltag, ohne die Dimension erfassen zu können, wie viel Macht wir damit abgeben. Datenmonopole legen unsere Lebensbedingungen in die Hände Fremder.

»Daten« ist ein Pluralwort, es existiert nicht in der Einzahl. Wir sind im Stande die einzelne Abfrage einer Wegbeschreibung zu visualisieren, die Masse an zeitgleichen Abfragen jedoch besitzt keine wahrnehmbare Form. Weder ist sie Bild, noch Objekt. Meyer interessiert diese Abwesenheit und sie unternimmt Versuche der Formgebung. Sie experimentiert mit Landschaft und Listen als verwandte Formate zu Typografie, Geografie, Biometrie, Kryptographie, Choreografie. Das Austragungsfeld ist die Abstraktion von Bedeutung, minimalistische, reduzierte Zeichenfolgen, die Verbindungen zu emotionalen Sachverhalten besitzen. Hier deckt sich das Wesen von Sprache als Schriftzeichen mit Meyers Bildern. Freude, Angst, Verlust, Geisteszustände, Bedeutungen werden nicht erläutert, man kann sie nur erahnen. Die Künstlerin überlässt es der Assoziation des Betrachters, den geschützten Raum des Unausgesprochenen zu betreten.

Bea Meyer spiegelt die eigene Biografie, in der Relevanz und Banalität eng beieinander liegen. Ihre Arbeiten sind Positionsbestimmungen zwischen ihr und der Gesellschaft, zwischen Prozess, Bestimmung, Manipulation und Zufall. Sie untersucht Grenzlinien in den Ordnungen des Alltags zwischen Individualität und dem allgemein Gültigen. Wir führen Straßenkämpfe mit Smartphones und koordinieren Revolutionen über digitale Netzwerke. Wir können als Teil einer Gemeinschaft mit dieser gewinnen und dabei zeitgleich selbst zugrunde gehen. An unserem aufgezeichneten Verhalten, der Trägheit unserer Gewohnheiten werden wir gemessen werden. Verstehen wir Kunst als Vergegenwärtigung unserer Lebensrealität; sie eröffnet uns ein Gedankenfeld, dem wir nicht ausweichen können werden.

Michael Grzesiak, Juni 2016


For a long time, Bea Meyer has been keeping lists and records. She takes down random and casual as well as elemental things on scattered sheets and slips of paper of various sizes, in journals, jumbled, filed, loosely scattered, stacked, organized. Meyer records events, information — she collects data. She chronicles, lists and enumerates, documents, makes protocols. Early scientific efforts were based on recording observations. Nowadays we record and then interpret data into conclusions.

„Landschaft und Listen“ showcases Meyer as she debates form, representation and meaning of data in relation to the reality of life. She distills self-collected data into artistic formats; weaving together movement profiles, calendar records and biometric data into an exhibition and into works employing various media. Exemplifying herself, Meyer records data and transfers it to the context of art. She discloses personal information — her life’s timeline — and thus reflects on subjectivity, neutrality and abstraction of data and its artistic and universal value. Who and what am I as an individual and as part of an abstract, data-generating crowd, leaving digital footprints, globally and ceaselessly?

Stone, iron and bronze have shaped time and space, they were a driving force in the cultivation of landscape. Like a motor, they propelled man’s progress in civilization. With and through them, men discovered and developed new forms and functions. The era of digitalization also marks us abandoning that material period; data has become our formative agent and tool. And while we still cling to the material aspects of life, statistically speaking, most of our daily activities are related to and governed by the exchange of data: communication, images, banking, entertainment. Virtual reality has become reality, and so have our virtual tools. Much like the tycoon of the industrial revolution, the protagonists in the field of acquiring, processing and distributing data have become the oligarchs of our time.

One focal point of the exhibition is Meyer’s recent work „VOR“, a personal collection of data, published in book form. In „VOR“ the media artist has typed out every entry of her handwritten calendar since her diploma in 2000. She shares them with us. She provides a continuous list, a chronological record of dates, names, appointments, contacts, locations, times, activities, and information. In „VOR“, characters and numbers relating to private life, work, and the world outside are arrayed and juxtaposed to form a generalized score of a life interlinked with her surroundings. Meyer is not self-absorbed, she rather assesses her life through an abstract empirical grasp, fascinated and perplexed by the sheer flood of information. Data becomes a providing and constituting asset to her working process.

We are currently digitalizing analogue material, we transfer it from one world to the other. Every original object begets a digital equivalent: a piece information, an image, a post, an interchange format to be shared and communicated in real time; be it an appointment, an endeavor, ourselves, our pictures, the weather, a work of art or just a thought. The quality of mass data determines its volume and quantity, the speed of access, the number and reliability of its sources. This is how wide- spread automated reduction of our daily life into ones and zeroes has come so far. Bea Meyer collects the data herself and about herself, she begins to work, to experiment with it: she subtracts, adds, samples. She lets the focal point wander between content and form, decipherability and meaning, order and chaos,; she zooms in, magnifies, compresses data beyond the point of recognition. By varying, repeating and modulating subject matter, Meyer develops a very personal take on the processing of information.

The secret of gleaning knowledge from pools of data lies in recognizing hidden patterns, in visualizing covert order and structure. What machines cannot assist us with is to weigh relevance, to alert us if many people are performing similar actions. We need algorithms to filter what is being recorded. We have to set goals, describe our intentions. We are compelled to ask „Big Data“ questions. The human brain is needed to extract resources from pools of data, to gain knowledge, and in turn make them applicable for civilization processes.

Meyer tries to qualify intentions, to neutralize; she reduces, minimizes and externalizes. She treats the data set in her book like a manual. The conceptual artist brings that data back into our daily lives. She invites people to read from her book, thus juxtaposing abstract information and the cultural technique that is reading. She assigns a performance artist to work on the basis of her data. Meyer materializes her records in images. She lets the protocol of her daily life spark new actions in the present. A timeframe of her life becomes data, which in turn takes material shape, becoming language and movement. Her daily actions are reshaped into characters and figures, abstract records devoid of relevance. In the exhibition context, these pieces of abstract information resurface as actions and communication again. Meyer starts us off at various paths of interpretation and passes questions of evaluation of her records on to us.

In the Series „L“, the artist transfers details of her body surface onto pictorial space. Square, biometric maps of the artist’s outer layer morph into a constellation of physical properties, bearing likeness to a tiled array of satellite images of landscapes. Through biometric data, a body can be identified as an individual. Meyer playfully alters size and scale by transferring the images, resembling analogue maps, as a stitched record onto paper.

In the ongoing series „RB“, Meyer creates her own visual representation of movement profiles. Much like a seismograph, she records the vibrations of travel with a pen. The resulting line encompasses variables that are related to the road surface, to the vehicle, velocity, wind, traffic and the artist’s hand guiding the pen. Zig-zagged lines evolve into abstract maps, layered and stacked on top of each other as time progresses. Resembling cartographic layouts, Meyer blows them up and transfers them as landscape onto fabric.

Data is the prime resource of our time. Using and linking massive sets of data is becoming an invaluable source of knowledge for humanity. Data has economic value, and has thus become a tool to assert power. It allows the exertion of influence and control over others and the environment. We willingly deliver data to external entities in exchange for simplification of our daily routines, without ever being able to comprehend the extent of power we surrender. Monopolized data unveils our living conditions to institutions far removed from ourselves.

„Data“ exists only in plural form; there is no singular version of the word. We are capable of visually addressing a single request for directions; a mass of simultaneous inquiries on the other hand, has no perceptible form or shape: it is neither image nor object. Meyer is intrigued by this absence and thus ponders the formal aspects of it. She experiments with landscape and lists in relation to neighboring formats of typography, geography, biometry, cryptography, choreography. The abstraction of meaning, minimized and reduced character sequences that are linked to the emotional weight of a transpired moment; thats the playing field. Thats where the nature of language as a graphic signifier parallels Meyer’s images. Joy, fear, loss, state of mind and meaning are not overtly pronounced, they are subtly implied. The artist leaves making associations to the viewer, along with the decision wether or not to enter the tacit, silent space.

Bea Meyer reflects on her own biography, where significance and banality are next door neighbors. Her works track the position between herself and society, between process, destination, manipulation and coincidence. She is trying to artistically map the border between individuality and the universally valid within the subset structures of everyday life. We riot in the streets with and through our smart phones and coordinate revolutions through digital networks. We can, as a part of a society, win collectively, and yet personally lose at the same time. Our actions will be evaluated through their recorded tracks, just like the inertia of our habits. If we define art as a reflected restatement of the reality of our lives; we may discover a plane of thought we will not be able to escape.

Michael Grzesiak, Juni 2016
Translation Lukas Holldorf & Kathleen Krol